Urknall

1922-1931

Der 20. Juli 1922 war ein kühler, strahlend blauer Sommertag, der drauf und dran war, ein Tag wie jeder andere zu werden und schwer Gefahr lief, den meisten der knapp 6000 Bewohnern des Äbtestädtchens Wil nicht weiter in Erinnerung zu bleiben. Nur wenige engagierte Männer mit Traditionsbewusstsein und Taktgefühl wehrten sich dagegen. Für sie sollte jener Tag der Anfang einer langen Geschichte werden: Die, der Wiler Trommler. Schon seit geraumer Zeit war das Bedürfnis unter lokalen Tambouren vorhanden, demnächst eine Interessensgemeinschaft zu schaffen und damit eine Ausbildung nach einheitlichem System zu ermöglichen. Ein Gedanke, der die Herren Hans Good, Joachim Schildknecht, Karl Holenstein, Franz Stierli, Gottlieb Öhninger und Albert Enz jun. dazu veranlasste, sich an besagtem Tage, abends um 830 Uhr im Restaurant Schöntal, mit dem Bestreben einen Tambourenverein ins Leben zu rufen, zu versammeln. Und so geschah es: «Als erster ergriff Hr Hans Good das Wort und forderte die Anwesenden zu einer allgemeinen Aussprache auf. Dieselbe wurde rege benützt und man fand den Moment für geeignet um an die Gründung eines Vereins heranzutreten. An erster Stelle wurde der Vorstand bestimmt. Es beliebten 

  1. als Präsident: Good Hans
  2. als Aktuar u. zugleich Übungsleiter: Schildknecht Joachim
  3. als Kassier: Holenstein Karl.»

Den eigentlichen Vereins-Geburtstag wollten die Gründerväter auf den Tag ihres ersten Auftrittes verschieben. Am 10. September 1922 trommelten die Urtambouren in gemieteten Landsknechte-Kostümen anlässlich des St. Gallischen Katholikentages die SempacherMärsche und konnten «trotz Ungunst der Witterung, bei der hiesigen Bevölkerung viel Sympathie» erwerben. Die Ära der Stadttambouren war unumstösslich lanciert. Aus dem Protokoll der ersten Hauptversammlung im Oktober 1922 lässt sich das Engagement der Vereinsmitglieder herauslesen. Erstmals sollten Statuten gedruckt werden; die vom Präsidenten und Aktuar persönlich durchgeführte Hauskollekte war mit grösseren Schwierigkeiten verbunden, spielte dem Verein aber ein Vermögen von 885 Fr. ein; und es wurde der Beschluss über die Durchführung von «Zöglingskursen» gefasst. Gespielt wurde seinerzeit auf gemieteten Instrumenten und es dauerte schliesslich bis Mitte November, bis man sich einigte, neun Trommeln à rund 150 Fr. anzuschaffen. Nachdem die Stadttambouren ihre Proben anfänglich im Freien abgehalten hatten, kam im Herbst der Wunsch auf, auch im anstehenden Winter dem Trommelspiel nachgehen zu können. Um nicht der klirrenden Kälte ausgesetzt zu sein, begab man sich umgehend auf die Suche nach einem geeigneten Probelokal. Der Gemeindeschulrat erhörte das Anliegen der Stadttambouren und erlaubte ihnen die Benützung des Übungszimmer der Stadtmusik. Im Sommer des Jahres 1923 umrahmten die Wiler Trommler das «Kantonal Turnfest» in Wil. Überdies schlug der über rund 500 Fr verschuldete Tambourenverein eine Anfrage des sozialistisch gestimmten Männerchors «Eintracht» aus, aufgrund der Befürchtung, eine Beteiligung hätte «bei den bürgerlich Gesinnten gewaltigen Staub aufgeworfen und manche Finanzquelle wäre dadurch für immer versiegt». Im Folgejahr forcierten verschiedene Massnahmen das Wachstum des Wiler Tambourenvereins. Die Bürgerversammlung beschloss, den heranwachsenden Verein mit einer Subvention von 200 Fr. zu unterstützen, darüber hinaus erklärte sich Albert Vollmar, ein Mitglied der Stadtmusik bereit, die Schulung von Pfeifern für 50 Rp. pro Übungsstunde zu übernehmen. Ein weiterer wegweisender Schritt in der Gestaltung des Vereinscharakters sollte der Beitritt in den Ostschweizerischen Tambourenverband (OTV) sein. Allerdings befand sich der junge Verein in schwierigen finanziellen Verhältnissen und so wurde bereits 1928 unter hitzigen Diskussionen der Austritt aus dem kostenintensiven OTV beschlossen. Im Protokoll der Kommissionssitzung des 3. Juli 1928 steht: «Da sich seit unserer letzten Versammlung erneut wieder gezeigt hat, daß wir vom Verbande nicht viel zu erwarten haben, wohl aber durch ihn stark belastet werden, ist die Stimmung dem Austritt eher günstig». Auch dem Pfeiferkorps ging es nach dem Auftakt postwendend an den Kragen. Da dieses stets starke Ausgaben und kaum Einnahmen generierte, beschloss man im August 1925 einstimmig die Abschaffung desselben. Den verbliebenen Trommlern überliess die Gemeinde fortan den oberen Stock des ehemaligen Waschhaus an der Weiherstrasse als Probelokal, wo sie sich laut Protokoll «wann und wie wir wollen» auf kommende Auftritte vorbereiten konnten. Zum Beispiel organisierte der Tambourenverein Fasnachtsumzüge, welche seine Trommler 1926 als «Wöschwiiber» und 1927 in gemieteten Waggis-Kostümen anführten. Allmählich häuften sich die Auftritte und da die Stadttambouren anderen Vereinen vermehrt Trommler stellen mussten, beschloss man künftig einheitliche Unkostenbeiträge zu verlangen. Ganztags liess man sich 8 Fr pro Tambour bezahlen, zuzüglich Verpflegung und, aufgrund von Lohnausfällen, einer Verdoppelung der Gage an Werktagen. Für das Mitwirken an Festumzügen verlangte der Verein pauschal 50 Fr. Den grössten finanziellen Aufwand erzeugte der jährlich von den Stadttambouren organisierte Fasnachtsumzug, dessen weitere Durchführung schliesslich den Sparbemühungen zum Opfer fiel. Ein ähnliches Schicksal ereilte den Vereinsabend, der 1929 ein erstes Mal vonstatten ging und nach nur zwei Jahren vorerst aus dem Kalender gestrichen werden musste. Das geschickte Wirtschaften war in dieser Zeit essenziell, denn sogleich mussten die finanzschwachen Wiler Tambouren eine grosse Hürde überwinden: Die Weltwirtschaftskrise hielt Einzug.

1922: Ausschnitt aus dem Gründungsprotokoll.
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